Datum: 07. 08 2026
Autor: Sabine Mey
Hüttentour vom Ötztal nach Südtirol, 19. bis 25. Juli 2026
Sechs Tage unterwegs, einmal über den Alpenhauptkamm, von Tirol nach Südtirol, durch einsame Hochtäler, vorbei an Gletschern, Almen und unzähligen Dreitausendern. Was auf dem Tourenprogramm nach einer anspruchsvollen Hüttentour klang, wurde für unsere Gruppe zu einer unvergesslichen Bergwoche. Dazu kam ein Umstand, den man in den Alpen nie als selbstverständlich ansehen darf: Vom ersten bis zum letzten Tag hatten wir schlicht traumhaftes Wetter.
Ausgangspunkt war Vent im hinteren Ötztal. Mit der Wildspitzbahn sparten wir uns die ersten Höhenmeter und erreichten die Stableinalm. Von dort ging es gemütlich hinauf zur Breslauer Hütte, die hoch über dem Rofental thront.
Während der Abend die Gletscher und Gipfel ringsum in warmes Licht tauchte, wuchs die Vorfreude auf das, was vor uns lag. Schließlich sollte dies erst der Anfang einer Reise werden, die uns bis nach Südtirol führen würde.
Der erste richtige Wandertag hatte es bereits in sich. Zunächst führte der Weg hinauf auf das Wilde Männle (3.019 m). Die letzten Meter verlangten etwas Einsatz, doch die kleine Kraxelei wurde mit einer fantastischen Aussicht über die Ötztaler Alpen belohnt.
Danach folgte ein langer Abstieg. Einer von diesen Abstiegen, bei denen man irgendwann nicht mehr weiß, ob die Knie oder die Oberschenkel zuerst protestierten. Doch die großartige Landschaft des Niedertals machte vieles wett.
Immer wieder begegneten wir den berühmten Schnalstaler Schafen. Seit Jahrhunderten werden die Herden über den Alpenhauptkamm auf die Sommerweiden rund um die Martin-Busch-Hütte getrieben. Eine Tradition, die bis heute lebendig geblieben ist und dieser Landschaft ihren besonderen Charakter verleiht.
Am Ende des Tages erreichten wir die Martin-Busch-Hütte. Die Beine waren müde, die Stimmung bestens.
Am nächsten Morgen ging es weiter hinauf zur Similaunhütte auf 3.019 Metern, die direkt am Niederjoch und damit an einem der traditionsreichsten Übergänge zwischen Nordtirol und Südtirol liegt.
Bereits gegen 10 Uhr saßen wir dort beim ersten Apfelstrudel der Tour. Draußen pfiff ein frischer Wind über den Pass, weshalb wir uns lieber einen Platz im Gastraum suchten. Und was für einen Platz!
Direkt von unserem Tisch aus blickten wir auf die Aufstiegsroute zum Similaun. Während wir gemütlich Kaffee tranken und Apfelstrudel genossen, beobachteten wir die kleinen bunten Punkte der Hochtourengeher, die sich langsam ihrem Gipfelziel entgegenarbeiteten. Der Blick hinaus auf die Gletscherwelt weckte bei manchem neue Sehnsüchte und vermutlich schon die ersten Ideen für zukünftige Touren.
Kurz nach dem Aufbruch wartete dann die nächste Überraschung. Nur wenige Minuten unterhalb der Hütte stand plötzlich ein Steinbock direkt am Weg. Seelenruhig ließ er uns passieren und schien sich über den kleinen Fototermin ebenso zu freuen wie wir.
Anschließend begann der lange Abstieg ins Schnalstal. Vorbei am Vernagt-Stausee und immer begleitet von großartigen Ausblicken erreichten wir schließlich Unser Frau, den Hauptort des Schnalstals.
Fragt man die Teilnehmer nach dem landschaftlichen Höhepunkt der Woche, dürfte der vierte Tag gute Chancen auf den ersten Platz haben.
Von Unser Frau stiegen wir zunächst durch Lärchenwälder und über sonnige Bergwiesen bergauf. Mit jedem Höhenmeter wurde es ruhiger. Die bekannten Wege blieben zurück, und wir tauchten immer tiefer in eine stille, fast vergessene Bergwelt ein.
Der Anstieg zum Atzboden (2.404 m) forderte zwar Schweiß und Durchhaltevermögen, belohnte uns aber reichlich.
Menschen trafen wir kaum. Dafür begegneten uns Kühe an kleinen Wasserstellen, weiße Esel auf den Weiden und später eine riesige Herde Ziegen, die die Berghänge bevölkerte. Es waren diese Begegnungen, die den Tag so besonders machten. Berge, Tiere und eine beeindruckende Ruhe.
Oben am Atzboden öffnete sich der Blick hinüber ins Grafbachtal. Weite Almflächen, schroffe Gipfel und eine Landschaft, die gleichzeitig rau und friedlich wirkte.
Der Abstieg über die Grafalm war schließlich nicht weniger beeindruckend. Es war einer jener Tage, an denen man abends kaum sagen kann, was nun der eigentliche Höhepunkt war, weil sich die Eindrücke wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihten.
Erst an der Jägerrast, wo das eigentliche Pfossental beginnt, kehrten wir langsam wieder in die Zivilisation zurück.
Ein Abend am Eishof
Von der Jägerrast ging es weiter taleinwärts zum Eishof.
Der Eishof ist ein ganz besonderer Ort. Bereits 1290 wurde der Hof erstmals urkundlich erwähnt und zählt damit zu den ältesten Bergsiedlungen Südtirols. Zeitweise galt er sogar als höchste dauerhaft bewohnte Siedlung der Ostalpen.
Die Gipfel von Hoher Weißer und Hoher Wilde umrahmen das Tal, und die alten Gebäude des Hofes wirken, als wäre hier die Zeit etwas langsamer vergangen als anderswo.
Am nächsten Morgen stand mit dem Eisjöchl (2.895 m) die letzte große Passüberschreitung auf dem Programm. Mit jedem Schritt wurde die Landschaft karger. Die grünen Wiesen verschwanden, Geröll und Fels übernahmen das Kommando.
Kurz hinter dem Übergang tauchte die Stettiner Hütte auf. Ihre moderne Architektur hebt sich deutlich von den meisten Alpenvereinshütten ab und wirkt fast futuristisch.
Die ursprüngliche Hütte wurde 2014 durch eine Lawine fast vollständig zerstört und schließlich durch den heutigen Neubau ersetzt, der 2022 eröffnet wurde.
Da unsere Tagesetappe vergleichsweise kurz war und wir die großen Kuchenstücke sowie die leckere Hüttenküche bereits reichlich geprüft hatten, blieb noch Zeit für einen kleinen Nachmittagsausflug in Richtung Hohe Wilde.
Von unten sah der Gipfel erstaunlich einladend aus. Nach einigen zusätzlichen Höhenmetern zeigte sich jedoch, dass die Hohe Wilde ihren Namen nicht ohne Grund trägt. Das Gelände wurde zunehmend rau, felsig und ausgesprochen alpin. Spätestens als wir die weiteren Routenverläufe betrachteten, war klar: Hier beginnt das Revier erfahrener Bergsteiger.
Wir suchten uns einen schönen Aussichtspunkt, genossen das Panorama auf die umliegenden Dreitausender und überließen den Rest der Hohen Wilde den Spezialisten.
Am letzten Wandertag zeigte sich Südtirol noch einmal von seiner sanften Seite.
Der Abstieg durch das Pfelderertal führte über blühende Almwiesen, vorbei an rauschenden Bächen und kleinen Almen. Nach den hochalpinen Kulissen der vergangenen Tage wirkte die Landschaft beinahe lieblich.
Grüne Hänge, verstreute Höfe und darüber die schroffen Gipfel der Texelgruppe. Es war eine Bilderbuchlandschaft und ein perfekter Abschluss unserer Alpenüberquerung.
Nach Tourende ging es weiter nach Stuls bei Moos in Passeier.
Dort unterlief uns ein folgenschwerer Organisationsfehler. ?
Statt einer einfachen Unterkunft fanden wir uns plötzlich in einem Hotel mit Sauna, Schwimmbad und ausgezeichnetem Fünf-Gänge-Menü wieder.
Die Gruppe nahm diese unerwartete Entwicklung mit bemerkenswerter Gelassenheit auf.
Nach sechs Wandertagen wurden sämtliche angebotenen Regenerationsmaßnahmen ausgiebig getestet.
Am nächsten Morgen brachte uns der Linienbus über die spektakuläre Timmelsjoch-Hochalpenstraße zurück nach Obergurgl und Sölden. Noch einmal konnten wir die beeindruckende Berglandschaft an uns vorbeiziehen sehen, bevor wir schließlich in unseren Sektionsbus umstiegen. Dieser brachte uns sicher, entspannt und voller schöner Erinnerungen zurück in die Heimat.
Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an die ganze Gruppe.
Ihr wart die gesamte Woche mit viel Motivation, Trittsicherheit, Humor und Teamgeist unterwegs. Genau solche Mitwanderinnen und Mitwanderer wünscht man sich.
Für mich war diese Tour deshalb nicht nur ein schönes Bergerlebnis, sondern auch ein entspanntes und genussvolles Abenteuer.
Danke für die tolle gemeinsame Zeit. Mit euch gehe ich jederzeit gerne wieder in die Berge.