Mehrseillängen am Gimpelhaus, 05.-11.07.2026
Nach der entspannten, aber doch langen Anreise machten sich die Hummeln im Hintern bemerkbar - gepaart mit dem einsetzenden Regen und der weisen Entscheidung, auch die Regenjacke in die Materialseilbahn zu laden, beginnt die Tour also mit etwas Kardio: knapp 500 Hm zum Gimpelhaus, 33 Minuten.
Oben dann nach kurzer Verschnaufpause das erste Kennenlernen der Gruppe - zu den bekannten Gesichtern stoßen zwei Frankfurter Exilanten. Eine kurze Vorstellungsrunde später das erste Urteil - die scheinen ja alle sehr sympathisch. Die Vorfreude auf die Woche steigt.
Nach der ersten Hüttennacht (ganz ohne Schnarchen - zumindest in unserem Zimmer) und einem ordentlichen Frühstück geht es also los mit etwas Trockenübung um die Grundlagen zu wiederholen, gefolgt von der klassischen Einstiegstour, dem Hüttengrad (IV+), mit gemütlichen 5 Seillängen. Trotz des wolkig-windigen Wetters bleiben wir in unseren 3 2er-Seilschaften trocken und kommen zügig durch die Tour, sodass nach dem Abseilen noch Zeit für die direkt nebenan gelegene Route “‘s Bienchen” (VI+, ebenfalls 4 SL) bleibt. Als logische Steigerung bewältigen wir auch diese gut, mit kurzem probieren an der Schlüsselstelle in der ersten SL. Resümee beim Abendessen: Ein großartiger Start, der Lust auf mehr macht.
Dienstags starten wir zum Gimpel. In die Südostwand? (IV?, 8 SL) starten wir diesmal mit 2 3er-Seilschaften. Die Kletterei ist einfach und auch in Bergstiefeln gut zu bewältigen, Seilhandling und Sicherunstechniken beginnen, mehr Routine zu werden. Nach den ersten 4 SL wechseln wir in den direkt benachbarten SO-Kamin (IV+, 4 SL), der ein bisschen spannendere Kletterei bietet. Meine Vorstiegsmoral ist hoch, und so sitzen die Stiefel auch auf den kleineren Tritten im Kamin sicher. Nach einer gemeinsamen Pause am Gipfel beginnen wir den Abstieg über den Normalweg. Hier ist etwas Konzentration gefragt, aber alle Teilnehmer beweisen alpine Trittsicherheit, sodass wir um 15:30 bei einem größeren Felsbrocken im Kessel erneut pausieren. Nach Belieben bewegt sich das Programm vom Sonne genießen im Gras bis zur Erstbegehung neu definierter Boulderprobleme an besagtem Felsbrocken. “Gerhard” wird vom Erstbegeher mit 5C bewertet, ein Topo professionell angefertigt, und nach einer guten handvoll Top-Outs fühlen sich meine Arme dann doch für den Tag ausgelastet an. Nach dem Abendessen gibt es noch eine kurze Theoriestunde durch Rolf zu Sturzlasten und Mehrseillängentechniken, bevor es früh ins Bett geht, denn am nächsten Tag gilt es, vor den Massen zu starten.
Und so beginnt der Mittwoch eine halbe Stunde früher vor der Hütte, und zwei 2er-Seilschaften finden sich erfolgreich als erste am Start der Till Ann (V-) ein, bald gefolgt von weiteren 3-4 Seilschaften des DAV Hamelns und anderer Aspiranten. Kurz nebenan steigen Tom und ich in die “Zwerchen Anni” (VI) ein, die sich als wunderbare Kletterei herausstellt und ein für mich gutes Level an Schwierigkeit bietet, ohne über die Maßen zu stressen. Auch die anderen waren mit ihrer Route sehr zufrieden, wie wir oben vor dem gemeinsamen Abseilen austauschen. Die erste Abseillänge ist die mit Abstand spektakulärste, und wird nur durch den unfreiwilligen Verlust eines Mobiltelefons getrübt, das im weiteren Verlauf lädiert aber nicht ganz schrottreif wieder geborgen werden kann. Um 14:00 finden wir uns an der Hütte wieder, und nach einem Snack einigt man sich auf eine gemütliche Runde im Klettergarten unterhalb des Gimpelhauses. Die erste Wand bietet eine handvoll Routen im 5er und 6er Bereich, die trotz leichten Nieselregens erfolgreich von uns bezwungen werden. Mehr als Scherz hat man mir in der etwas weiter links gelegenen Wand dann allerdings noch „Mamma Mia“ (7+/8-) herausgesucht, und nachdem ich Tom überredet habe, das doch “mal mit mir anzuschauen” und einen beeindruckenden Durchstieg im Vorstieg geboten bekomme, bekommt der Tag die Krone aufgesetzt, als ich wider erwarten im Nachstieg, zwar mit zwei kurzen Pausen, den Top erreiche. Nicht nur klettertechnisch ein guter Tag, auch unsere Gruppe wächst mehr und mehr zusammen, sodass wir uns noch gemeinsam vor dem Zubettgehen bei Musik im Bulin-Auge knoten üben.
Der Donnerstag bietet eine ganz andere Art der Kletterei - die Kellenspitze (III) steht auf dem Programm. Technisch nicht schwer und an vielen Stellen auch ungesichert begehbar, bietet diese tagesfüllende Tour INSGESAMT 5 Bohrhaken - von denen wir keinen nutzen. Stattdessen besteht der Reiz hier im selber basteln: Standplätze mit Schlingen, nach unten abspannen, Sanduhren legen, Friends setzen, und all das bei atemberaubender Kulisse auf dem felsigen Grat. Wir bewegen uns als 3er Seilschaften mit Seilweiche fort, die Stimmung ist hervorragend, und unserer musikalischen Ausgelassenheit kann sich selbst Tom nicht ganz entziehen. Nach einem gestapelten Gipfelfoto geht es über den Normalweg zurück zum Abendessen. Nach Tourenplanung endet der Abend schließlich im Zimmer, diesmal stehen Schleifknoten und Kriechen in beengten Räumen auf dem Programm, denn für morgen haben wir etwas ganz besonderes ins Auge gefasst.
So schnell rast die Zeit dahin diese Woche! Es ist Freitag, der letzte Klettertag der Woche, und Wunschkonzert ist angesagt! So entschließen sich 2 2er-Seilschaften für
“Morgenstund” (V+, 7 SL) während ich mir erneut Tom kralle und mit ihm in die am Gimpel-Südostvorbau benachbarte “Wirklich oben bist du nie” (VI+, 6 SL) einsteige. Nach einem leicht stressigen Start komme ich schnell in den Rhythmus, und wir genießen eine wirklich großartige Route mit vielseitigen Kletterstellen und einem oft senkrechten Ausblick zum Wandfuß hinunter. Erneut treffen wir uns am Ausstieg, und nach einer kurzen Mittagspause machen sich der Großteil von uns auf, die nah gelegene Höhle “Gimpellabyrinth” zu erkunden. Nach einem Abseiler von 15m windet sich ein enger Tunnel durch den Fels. Beschilderung gibt es hier nicht, ein oder zwei Abzweigungen aber schon, und so ziehe ich Marlen an den Füßen aus einer Sackgasse, die wir fälschlicherweise erkunden. Auf jeden Fall ein Highlight, zu dem man so nicht alle Tage kommt - nach 40 Minuten am anderen Ausgang sind wir begeistert und weniger schmutzig als befürchtet.
Es ist nun früher Nachmittag, und mit den Präferenzen geht auch die Gruppe auseinander - Tom erkundet noch etwas den Gimpel, Tim und Dana machen sich auf den Weg zur Hütte, und Marlen, Martin und ich beschließen, “‘s Bienchen” noch ein zweites Mal in Angriff zu nehmen. Die Schlüsselstelle scheint härter als in unserer Erinnerung - hat da jemand Griffe gestohlen? - trotzdem kommen wir gut erst oben und dann wieder unten an. Nach dem Abendessen setzen wir uns zur Feedback-Runde zusammen - und ohne uns hier zu sehr auf die eigenen Schultern klopfen zu wollen:
Besser hätte es kaum laufen können, klettertechnisch und menschlich. Ein herzliches Dankeschön an Rolf, unsere Gimpel-Eminenz und an Tom und Tim als unserer Trainer, genauso wie an Dana, Martin und Marlen als meine Co-Teilnehmer für diese großartige Woche! Damit sind wir auch schon fast am Ende, aber nicht ganz. Denn der Wecker steht auf 4:45 Uhr für die letzte Nacht. Und nach einem zusätzlichen unfreiwilligen Erwachen gegen halb zwei (Unverständnis darüber, wie man nicht verstehen kann was eine alarmgesicherte Fluchttür ist, inklusive) machen wir uns gähnend und mit Kopflampe auf zur Nesselwängler Scharte. Schweigend betrachten wir den Sonnenaufgang, der den Himmel hinter den Zacken der Kellenspitze in orangenes Licht taucht, und saugen ein letztes Mal das Bergpanorama ein, bevor es unweigerlich heißt: Frühstück, Packen, Abstieg, und damit auch Abschied - oder besser: Auf Wiedersehen.